Video: Zukunftstrends in der Möbelbranche: Markus Neumann mit Pierre Haarfeld im Gespräch

Auf der dmexco 2017 hat Markus Neumann von mediawave ein Interview mit Pierre Haarfeld – Partner von eTribes und CEO & Founder von Digital Apartment – geführt. In dem Gespräch dreht sich alles um Trends und aktuelle Entwicklungen in der Möbelbranche.


 

Alle, die einen Überblick zu diesem Interview suchen, finden hier ausgewählte Fragen und Antworten zusammengefasst. Fürs Nachhören im Detail ist zu jeder Frage jeweils die Zeitangabe vermerkt.
 

4:28 min
Markus Neumann: Wir stellen immer wieder fest, dass die Möbelbranche ein bisschen anders tickt und in dem einen oder anderen Bereich auch etwas hinterherhinkt. Auf der anderen Seite – wenn man sich aktuelle Zahlen von Statistica ansieht, erkennt man, dass der deutsche Markt für Online-Möbel mit 3,7 Milliarden nach China und USA der größte ist – es tut sich einiges auf dem deutschen Markt. Was sind aus deiner Erfahrung Themen, die du aktuell am Möbelmarkt beobachtest?

Pierre Haarfeld: Wenn ich ganz grundsätzlich auf die Themen eingehe, vielleicht ein ganz spannender Aspekt, den ich erst letzte Woche in Hamburg mit der Möbelkultur diskutiert habe: Man hört ja immer verschiedene Zahlen, wie groß der Möbelmarkt eigentlich ist. Manche sagen 4,5 Prozent Onlineanteil, andere sagen 6 Prozent Onlineanteil, andere 7 Prozent. Ich kann dir auch nicht genau sagen, wie groß der Anteil jetzt ist, werde aber immer gefragt, ob ich nachgerechnet habe. Was ich da anmerken möchte, ist, dass ich glaube, dass keine der Zahlen im Moment richtig sind. Welche sind die großen Player, die wir hier auf dem deutschen Markt haben, welches sind die umsatzkräftigen Player? Klar haben wir in Deutschland Home24, aber die Großen sind Maisons du Monde, Made.com, Vente Unique und Bolia. Alleine Bolia verbucht einen Umsatz in Höhe von 110 Millionen Euro. (40 Prozent davon macht der e-Commerce-Umsatz aus; davon der Großteil in Deutschland. Ich glaube nicht, dass das je einer erfasst. Die wirklich großen Umsätze werden aus meiner Sicht importiert und da haben wir so ein bisschen Scheuklappen auf aus meiner Sicht. Wir gucken nur auf den deutschen Markt, schauen vielleicht, was hat `nen Hersteller X oder `nen Händler Y vor zwei Jahren online gemacht, was macht er heute – und daraus probiert man nachzurechnen, wie hoch jetzt der Onlineanteil ist. Wir müssen da viel globaler gucken, viel weiter gucken, welche sind die interessanten Modelle, die aus dem Ausland kommen und nicht nur Deutschland. Das vielleicht kurz vorweg. Jetzt zu deiner eigentlichen Frage, was sind gerade so die Themen auf dem Markt, die den Markt bewegen. Zum einen sind es ganz klar Monobrands, sowas wie Tylko; dann das Thema Dropshipping, also vom Hersteller direkt zum Endkunden. Da ist an manchen Stellen noch so eine gefühlte Klemme drin, das klappt noch nicht so richtig. Da gibt’s gute Anbieter, gute Formate, aber das wird gerade wenig wahrgenommen. Klar, ein Hersteller im Direktvertrieb, Germania ist da zum Beispiel zu nennen, der macht mittlerweile glaube ich 35 Prozent Umsatz durch den Onlineshop. Und dann das ganze Thema Plattformökonomie, aber das haben wir ja schon von Florian gehört, von Tarek gehört, das ist natürlich eines der Riesenthemen. Das wären so die vier Themen, wo ich sagen würde, dass sie gerade den Markt bewegen.

13:38 min
Markus Neumann: Zum Thema Virtual Reality/VR – auch auf der Messe hier ein riesen Hype-Thema. Wie schätzt ihr das ein? Ist das schon ein Thema, wo ihr sagt, wenn ich in ein Möbelgeschäft gehe und eine Küche kaufe, ist der Endverbraucher schon so weit, dass er sich eine Brille aufsetzt und mit seiner Familie durch die Küche läuft? Oder ist es eher ein Hype-Thema, wo man noch ein bisschen abwarten sollte?

Pierre Haarfeld: Ich glaube, dass es kein Hype-Thema mehr ist. Da vielleicht auch noch mal ein Insight: Zum Digital Interior Day am 5. Oktober in Köln haben wir mehrere Aussteller dabei, die sich nur um dieses Thema kümmern. Blanx, ein Anbieter für AR- und VR-Technologie, werden wir vor Ort haben. Tylko ist auch sehr stark im AR-Bereich unterwegs; vielleicht einfach mal die App runterladen und die Seite angucken. Ich kann quasi mein Regal live konfigurieren mit der App von denen. Und da ist ganz spannend, ich habe mich letztens mit Ben unterhalten, einem der Gründer von Tylko, warum sie ganz stark an die Technologie glauben und warum sie glauben, dass es weitergeht. Bisher brauchte ich für AR/VR immer einen Fixpunkt. Ich musste mir was ausdrucken, musste mir einen Zettel hinlegen und konnte dann mit der App sehen, okay, da würde mein Regal stehen, so würde es aussehen. Durch die neuen Apple-Technologien haben wir einen Game-Changer im Markt. Durch die neuen Kameras, die wir bei Apple haben, brauche ich keinen Fixpunkt mehr, die Kameras sind selbst in der Lage, diesen Fixpunkt herzustellen. Das heißt, ich bin unabhängig von irgendeinem Fixpunkt, den ich ausdrucken muss und kann direkt mit meinem Smartphone AR und VR nutzen. Ich glaube, das ist ein Riesen-Game-Changer, den viele noch nicht verstehen. Daher vielleicht auch eine Chance. Warum erreichen das viele nicht? Es ist ja in vielen Branchen schon viel, viel weiter, warum jetzt noch die nächsten zwei, drei Jahre warten, warum da jetzt nicht noch aktiver sein?

17:04 min
Markus Neumann: Das Thema IoT, wie zum Beispiel ein intelligenter Schreibtisch, der weiß, wann ich wieder etwas trinken oder wann ich mich bewegen muss; gibt es da schon konkrete Beispiele, wo man sieht, auch in diesem Bereich in der Möbelbranche bewegt sich was?

Pierre Haarfeld: Es gibt immer wieder Ansätze. Ich hatte mit meinem Co-Founder Philipp vor zwei Jahren gemeinsam auch ein Projekt angeguckt in München. Da war einer dabei, einen smarten Schreibtisch zu entwickeln. Der Ansatz war sicherlich super spannend, aber ich habe bisher nichts mehr davon gehört. Ich weiß nicht, wohin das ganze Projekt gelaufen ist. Letztendlich kann man sich das Thema IoT natürlich auf Konsumentenseite angucken, also gerade Smart Home. Was ist eigentlich da die nächste Sache. Gerade wenn wir bei weißer Ware smarte Kühlschränke angucken, Nests smartes Thermostat. Das ist sicherlich ein Thema, das nicht zu vernachlässigen ist, also Smart Home, der ganze Bereich. Ein anderes Cluster, was ich aber viel, viel spannender finde, ist IoT in der Produktion. Im Moment haben wir noch das Problem, Hersteller produzieren auf Halde, lagern es zwei, drei Wochen, von dort aus wird’s zum Händler versandt; da lagert’s wieder vier, fünf Wochen. Letztendlich freu ich mich als Endkunde riesig, dass ich auf mein Polstermöbel zwölf Wochen warten muss oder 13 Wochen warten muss. Ich glaube, da sollten wir eher gucken, wie kann IoT ansetzen, wie können wir mit IoT weitermachen, die Produktion schlanker zu bekommen, den Output in der Produktion besser hinzubekommen um dann vom Produzenten direkt zum Endkunden verschiffen zu können. Wir kennen das ja aus der Automobilindustrie. In der Home-Living-Industrie gibt es da auch ein paar Hersteller. Wenn wir uns da Nobilia angucken, Nobilia ist ein Küchenhersteller, die machen das extrem gut. Die haben auch nur vorkonfigurierte Produkte in der Produktion stehen. Es sind glaube ich mittlerweile 3.000 Küchen pro Tag, die da durchgehen. Ich frag mich immer, wer kauft eigentlich 3.000 Küchen am Tag, aber da fehlt mir wahrscheinlich ein bisschen Fantasie. Die haben einen Riesen-Output und die schaffen es auch, jede Küche komplett individualisiert, konfiguriert rauszubringen, haben null Lagerhaltung, es geht direkt auf den LKW und wird in dem Fall natürlich erstmal zu dem Handelshaus, also dem Küchenhaus versendet. Aber warum schafft das die Branche nicht? Warum denken wir da nicht ein bisschen weiter, warum gucken wir da nicht, wie können wir da Polstermöbelhersteller und andere einbinden? Auch da kommen wir wieder bei dem Punkt Monobrands raus. Wir haben im Moment ganz tolle Anbieter wie zum Beispiel Sitzwelt, Polstermöbel, die da auch einen guten Ansatz haben, die auch probieren, da schneller zu sein, die probieren, direkt vom Hersteller zum Endkunden zu versenden. Aus meiner Sicht noch nicht so perfekt, könnten sie auch noch besser machen, aber da geht der Weg gerade hin. Ich wundere mich nur, warum schafft’s keiner, innerhalb einer Woche den Endkunden zu beliefern. Alle lassen sich von Amazon gerade so tierisch die Butter vom Brot nehmen, klar, Amazon ist auch perfekt mit seiner Logistik. Warum gehen Hersteller nicht mal den Weg und bauen Monobrands auf und schaffen es innerhalb von einer Woche den Endkunden zu beliefern. Das wäre wirklich klasse.

23:14 min
Markus Neumann: Was sind grundsätzlich Hindernisse in der Branche? Was sind Pain Points? Was sind Stolpersteine?

Pierre Haarfeld: Der erste Stolperstein ist die Digitalisierung zum Festpreis. Das funktioniert nicht. Ich kann nicht den Ansatz haben – egal ob Hersteller oder Händler – macht mir `nen Festpreis, stellt mein stationäres Geschäft online und dann habe ich meinen passenden Turn. Das funktioniert nicht. Das wird nicht klappen. Da müssen wir agiler vorweggehen. Der andere Punkt ist sicherlich – da haben wir in Deutschland natürlich eine Besonderheit – dass knapp drei Viertel des Marktes durch Verbundgruppen geprägt sind und die das Dreieck Hersteller, Verbundgruppe, Händler sehr gut zusammenhalten und dann noch einen großen Druck ausgeübt haben. Da möchte ich nochmal zu dem Punkt kommen, den ich anfangs vergessen hatte, ich wollte ja das erste Investment bekanntgeben. Wir haben von Monoqi den B2B-Bereich übernommen und wollen damit eigentlich Verbundgruppen ablösen bzw. das ganze Thema digitalisieren. Auf Monoqi Business, also dem B2B-Part, laufen schon jetzt 500 Hersteller und 3.500 Händler in ganz Europa, die quasi miteinander verbunden sind, wo die ganzen Transaktionen digitalisiert werden. Das läuft unterm Radar gerade, muss man sagen. Das nimmt in der Branche wirklich kaum einer wahr bzw. von den Verbundgruppen. Ich glaube, dass das eine Riesenchance ist, den ganzen Markt aufzubrechen.